Freitag, 16. August 2013


Aufgewachsen an den Weinhängen der Mosel, hatte Maria immer geglaubt, sie könne nur leben, wo Wasser fließt. Leichten Herzens war sie Alfred nach Hamburg gefolgt, an Alster und Elbe, links die Nordsee, rechts die Lübecker Bucht. Dennoch fehlte ihr über all dem Wasser eines, und es fiel ihr erst hier auf, daß ausgerechnet sie so etwas vermißte: eine Kirche. Hamburger Kirchen erinnerten sie derart an sozialen Wohnungsbau, daß sie jedesmal froh war, die Notunterkünfte schnell wieder zu verlassen. Zwei, drei Gottesdienst nahm sie hin, dann hatten ihr die schleppenden Gesänge der Gemeinden, die trübsinnigen, schwarzen Gewänder mit den weißen, nackensteifen Kragen der Pfarrer, ihr kühles Schelten von der Kanzel, ihre Stimmen, die vornehm das Rohrstöckchen schwangen, nähere Bekanntschaft für immer verleidet.
Als die dann nach ihrer Scheidung zum ersten Mal wieder im Kölner Dom saß und Tränen schluckte, bis die Augen überliefen, als ihr endlich ein altes Fräulein ein spitzenumhäkeltes Taschentuch zusteckte, das nach „Farina Gegenüber“ roch, als sie ihr – o nein, nicht den Arm um die Schulter legte, sondern nach einer Weile ans Ohrläppchen griff, es nachdrücklich hin und her zupfte mit ihren pergamentenen Fingern, dazu befahl: „Mädchen, jetzt haste aber jenuch jeweint. Jetzt wird jebetet und dann wieder jelacht!“, da wußte Maria, daß sie für immer in der Nähe dieser Kirche bleiben wollte.

Ulla Hahn, Ein Mann im Haus (München: dtv, 1994) 52-53

Montag, 17. September 2012

Lektion im Bandwurmsätzeschreiben

„Er hatte eine Wachsplatte auf den Grammophonteller gelegt, die Nadel an seine Lieblingsstelle gesetzt, und während die ersten blechernen Takte von Wagners Ritt der Walküren durch den Salon gepurzelt waren, hatte er ein paarmal geniest, sich in die Serviette geschneuzt, dann die Glieder ausgestreckt und seine Krawatte gelockert, und just in diesem Moment war das Insekt durch den Türrahmen herangesummt, und, vom intensiven Geruch der aus den Hahlschen Poren austretenden Milchsäure (deren Ausdünstung durch den warmen Riesling begünstigt und verstärkt wurde) ganz kirre geworden, hatte die Mücke noch im Anflug die Proboscis ausgefahren, um, blind vor Gier, an des Gouverneurs sauber ausrasiertem Nacken anzulanden und ihn mit einem kathartischen, crescendohaften Biß zu penetrieren, bevor sie die erlösende Götterdämmerung der Hahlschen Handfläche erfahren hatte.“

Aus: Christian Kracht, Imperium (Köln: Kiepenheuer, 2012) 52-53.

Dummkopf von Irrhausen

Die folgenden Zitate sind aus einem Interview mit Eckart von Hirschhausen, das in der Zeit veröffentlicht wurde. Die Zitate sind nicht chronologisch sortiert, sondern nach steigender Aufregung meiner Reaktion. 

„Nein, ich war sehr gerne Arzt und bin es im Grunde noch heute. Es war Zufall, dass ich seinerzeit nicht direkt übernommen werden konnte.“

„Ich glaube schon, daß ich mit meinen Büchern und Sendungen etwas an der gesellschaftlichen Wirklichkeit verändern kann, gerade durch diese Art, etwas subkutan zu spritzen, ohne sofort die Gegenwehr zu aktivieren.“ 

„ --Ich hatte eigentlich einen ganzen Text über Sadomasochismus vorbereitet; darüber, wie Schmerz und Lust im Hirn verarbeitet werden, über die verschiedenen Formen der Ekstase, über die Selbstvergessenheit, die im Französischen la petite mort, der kleine Tod, heißt ...
-- Das ist übrigens ein blöder Druckfehler. In Ihrem Buch steht: der kleine Tote, le petit mort.
-- Oh, oh. Das hat keiner gemerkt von den Lektoren? Wird gleich notiert.“
„Der Vorwurf der Intellektuellen in diesem Land lautet schnell, das Populäre sei unweigerlich oberflächlich. Wer sich die Mühe macht, meine Bücher zu lesen, entdeckt da sehr viel intelligent verpackte Wissenschaft und ernst Kritik am Medizinbetrieb. Die Bücher sind nicht automatisch deshalb schlecht, weil sie populär sind. Es könnte ach sein, dass sie populär sind, weil sie gut sind. Aber Journalisten haben großen Spaß daran, Dinge als erste zu entdecken. Und kaum hat jemand Erfolg, wendet sich das Blatt, und Journalisten schreiben darüber, was angeblich faul ist an dem Erfolg. Damit muss man leben. Seit der Antike gilt: Interessant sind Figuren vor allem im Aufstieg und im Fall.“

„Aber ich glaube, es gibt eine Verunsicherung mit mir, weil ich nicht richtig zu verorten bin und in keiner Schublade bleibe. Das hat mit einem generellen Unwohlsein zu tun, dass in der Postmoderne alle Rollen verschwimmen, Autorität und Vertrauen erodieren. Das Unbehagen an Hirschhausen ist womöglich auch ein Unbehagen an der Kultur.“

Aus: „Ich gehe mir ja selbst auch auf den Zeiger“, Interview mit Eckart von Hirschhausen, Die Zeit 38 (13. September 2012): 36.

Donnerstag, 13. September 2012

Volkertshausen, Tag 9

„Stellen Sie sich vor, wir sind Menschen, die in einem dunklen Zimmer auf und ab gehen und nicht sehen. Wir hören nur, was uns aus einem Loch an der Decke in das Zimmer hineingeflüstert wird. Und wir sehen noch nicht einmal das Loch.“
„Religion.“
„Ja, leider, mein Freund. Religion.“

aus: Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008; München: dtv, 2010) 127-28




"at thirteen, I was a relatively recent noticer of breasts" (32)

"Well, Bill," Richard continued, "I guess the training part of the bra works like this. A girl whose breasts are newly forming wears a training bra so that her breasts begin to get the idea of what a bra is all about." "Oh," I said. I was completely baffled; I couldn’t imagine why Miss Frost’s breasts needed to be trained at all, and the concept that breasts have ideas was also new and troubling to me. (39)

"You can’t take back something like 'Definitely not a ballroom'; it’s simply not what you should ever say after your first vaginal sex." (136)

"Billy, Billy," Elaine began, as her mother used to preface her admonitions to me, "did you not know that your most insecure lovers will always try to discredit your friends?" (288)

aus: John Irving, In One Person (New York: Simon & Schuster, 2012)


Mittwoch, 11. Juli 2012

The Beginning of Fiction

"She sees the little one but is neither amused nor interested -- too wiggly. She knows from having done a semester's work in a nursery project, having zipped and unzipped, pulled down and up so many pairs of pants, having witnessed up close the peculiarities of infantile privates in plumpest form. She would have to say that, while it is sweet, while it is tender, it is simply not enough; nothing more that the stuff of a lovely brooch, a modern sculpture to be worn by the envious have-nots. The cherubic cock and balls, like so many other miniatures, like the bony baby bird, better observed than ordered, better taken in from across the room than taken on one's own plate. And so she stood on the sidewalk watching the small sibling until such time as he began to watch her back, and then she nodded and moved off down the street toward the school yard.

Her boy had been under observation for several years -- he was of course not her first; there had been other, earlier experiments -- but this was to be, she hoped, the first complete conquest. He had been discovered two years ago in the most old-fashioned way -- on the playground behind the school. He was nine or ten and flanked by twin attendants, the assemblage of his ego, the entire entourage straggling to master the athletic form of the skateboard. The board was new and he on it was rather uncoordinated. All three boys were at that age of supreme softness where muscles waiting to bloom are coated in a medium-thick layer of flesh, highly squeezable. They were at the point where if someone were to take such a child, to roast or to bake him, he would be most flavorful. Our girl thought it a shame, a missed opportunity, that in the environs of Westchester and Dutchess Counties everyone not be treated to a taste of young flesh. She thought that perhaps, once or twice a year, as part of some great festival, one of each, boy and girl, should be prepared and the residents given a skewerful accompanied by lovely roasted onions, carrots, cherry tomatoes, peppers, the stuff of shish kebabs. But grudgingly she acknowledged that such a biannual event might result in a feeding frenzy, destroying the species, rendering it extinct. After all, for centuries it has been said that once certain animals taste meat, there is no going back, and for sure the pubescent boy and girl are of that moste ripe, red and succulent category that would cause such a reaction. Quite possibly just the scent of their juices spilling off the rack could start carnivores round the world salivating uncontrollably and charging the exits of national and international borders. Therefore in principle she agreed -- although I am not so easily swayed -- that while this massive public tasting was probably not in order, the denial of it encouraged, even begged for, a little nibbling at home."

excerpt from: A. M. Homes, The End of Alice (London: Granta, 1997) 21-22.

Mittwoch, 4. April 2012

Aber schlechte Photographen.

Das Damals "wird nicht mehr belächelt, es wird bewundert. Es sieht nicht mehr albern und unbedarft aus, sondern schön und begehrenswert. So sehr, dass wir uns nicht auf unsere tatsächlichen Archivbilder beschränken wollen, sondern die visuelle Historisierung unseres Selbst vorantreiben. In warmen Farben, grobkörnig und vielleicht an den Rändern ein bißchen unterbelichtet. (....)
Hipstamatic ist dagegen reinste Material-Melancholie, man könnte Kitsch dazu sagen. Doch wäre Facebook visuell nicht halb so interessant ohne diese Effekte: Amateurhafte Schnappschüsse werden dadurch künstlerisch, Bekannte plötzlich cool, das Leben insgesamt viel mitteilenswerter. Hipstamatic ist nur die konsequente Weiterführung von zwei Dingen, die sich in der visuellen Kultur seit der Digitalisierung des Bildes, also seit rund 20 Jahren, radikal verändert haben. Erstens: Es gibt keine wahrhaftigen Fotografien. Und zweitens: Es gibt keine schlechten Fotos mehr."

Silke Hohmann, "Die Zeitmaschine", Monopol 3 (2012): 64-65. 

Montag, 5. März 2012

Laughing Is the New Crying


"The Christmas Poem"

by Paul Gilmartin

Eggnog, tinsel, falling snow
Buttered rum and mistletoe
Trimming trees and hanging lights
The sound of carolers fills the night.

Shopping hours, long and hard
Visa calls and cancels card
Unpaid bills and mounting debts
Family gathers, depression sets.

Drinking starts, harsh words are said
Dysfunction rears its yuletide head
Argument turns to shovin'
Drunken brother punches cousin.

Tree tips over, popping lights
Curtains catch, house ignites
Noone hears the reindeer cries
Wedged in chimney, Santa dies.

Though he kicked and did perspire,
His chestnuts roasted on an open fire.

Samstag, 4. Februar 2012

It's the senses, stupid.

"You can tell, I have found, even if it's a good restaurant, if you go and there's not heart there you can taste it. There are good restaurants where the chef is gone or noone gives a fuck about the food anymore and it's just shit."
"Cynical food doesn't taste good, and irony is something that is dangerous in food, if it's sort of an ironic riff on something. You have to be a romantic to cook well. Essentially, if you're a chef, a good chef, or even a good cook, you're in the pleasure business. You have to have an understanding of what makes people happy and push those buttons. There are some cooks really very technically accomplished, but you eat their food and it's like 'I don't know whether this guy has ever been laid in his life, I don't know if this guy understands pleasure or making anybody else happy. It's too cerebral.' It's an emotional thing."

Montag, 26. Dezember 2011

This little fox.



Lillian Hellman, a dramatist, a feminist, a screenwriter, a leftist, who was born in 1904 and died in 1985, was asked at a campus event late in her life why she had not endorsed the gay rights movement. She paused, stared through her thick glasses, and then, in her nicotine-abraded voice, curtly answered: "The forms of fucking do not require my endorsement."

Dienstag, 20. Dezember 2011

Du bist mehr als die Summe Deiner Leistungen.

Liebe Marie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane, aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wie viel ist 172? Wie viel 56? Wie viel 28?Auf dem Weg nach Hause dann noch mal: 27 = 128, 182 = 324, 56 = 15625.Und noch mal. Und zur Sicherheit gleich noch mal.

Wir hätten so viel Sinnvolleres tun können auf unserem Heimweg! Den Bildern der Bären nachhängen und Bonbons lutschen zum Beispiel. In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum. Aber noch nicht mal an einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du sein solltest mit zehn Jahren.

Du merkst schon: Der Brief, den ich Dir schreibe, ist eine verzwickte Angelegenheit. Du wirst ihn genau lesen müssen, damit Du alles verstehst. Und dass Du verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was wir Erwachsenen daraus machen.Bitte mach mir diesen Mist nicht nach, wenn Du erwachsen bist, Marie!

Ich werde Dir von Schülern berichten, die krank werden vom dauernden Üben. Von Bildungsexperten, die Euch vorm Lernen warnen. Und von Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Von Zeile zu Zeile werde ich wütender werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land, das Euch alle zu Strebern macht.

Deshalb habe ich meinen Brief auch nicht auf Deinen Platz gelegt, dort am Küchentisch, an dem wir morgens Einkaufszettel schreiben und abends Vokabeln lernen: Wie lautet das englische Wort für Gummistiefel, Stiefvater, Drachenfestival, Schiffsausguck, Küstenstadt, Karaoke-Gerät, Schatzkarte, Gartenschuppen, Geschmacksrichtung Hühnchen? Ich schreibe diesen Brief in der Zeitung, weil es noch 275.000 andere Fünftklässler in Deutschland gibt, die ein Gymnasium besuchen wie Du. Die gerade wie Du für die letzten Arbeiten vor den Zeugnissen büffeln. Und die wie Du trotzdem nur mit halbem Ohr diese rätselhaften Wörter hören: »Turbo-Abi«, »Schulzeitverkürzung«, »G8«.

In diesem Brief, Marie, möchte ich Dir und Tausenden anderer Schulkinder etwas verraten. Es gibt da ein paar Geheimnisse, von denen Ihr nichts ahnt, denn jedes Kind nimmt die Welt ja erst einmal als gegeben hin.

Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich abends nach Hause komme und sehe, wie Du über Grammatik-Arbeitsblättern sitzt:Kreuze die richtigen Aussagen an! Der Genus ist das grammatische Geschlecht eines Nomens / Nomen können im Singular und im Plural auftreten. Dies nennt man den Kasus des Nomens / Der Numerus ist der Fall, in dem ein Nomen steht / Man kann Präpositionen steigern / Der bestimmte Artikel gibt im Nominativ Singular das grammatische Geschlecht eines Nomens an / Der Imperativ gehört zu den finiten Verbformen / Präsens wird benutzt, wenn man über etwas sagen kann: Es war gestern so, ist heute so und wird auch morgen so sein / Das Partizip I gehört zu den infiniten Verbformen / Verben kann man deklinieren. Ich hefte dann Rechnungen ab, schreibe EMails und sortiere Zeugs. Ich will nicht freihaben, solange Du noch arbeitest. Ist das nicht verrückt? Irgendjemand hat die Welt verdreht! Nur wer?Stopp, das war zu kompliziert! Ich meine: Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein könnte? Oder wie die Erwachsenen gelebt haben, als die noch klein waren? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln müsst: »Was wäre, wenn...?« Aber es macht Euch auch da fügsam, wo Auflehnung angebracht wäre.

Weißt Du: Das alles ist nicht einfach so passiert. Die freie Zeit ist nicht einfach so verschwunden. Wir Erwachsenen haben Euch ein Jahr Eurer Kindheit gestohlen. Aus Eile und Angst.

Wie soll ich Dir das erklären?

Ich versuche es mal so: Unser Leben ist voller Reichtum und Mangel zugleich. Es gibt so viel Essen, dass wir die Reste wegwerfen. Nichts ist richtig knapp, außer manchmal Klopapier. Doch was uns fehlt, ist Zeit. Jedenfalls glauben wir das.

Wir Erwachsenen schauen selten im Kühlschrank nach, ob noch Käse oder Wurst da ist – aber wir gucken ständig auf die Uhr. Wir klagen dauernd über »Stress« – doch wenn wir nichts zu tun haben, fühlen wir uns nutzlos. Wir sind genervt, wenn der Chef uns auch am Wochenende anruft – aber eifersüchtig, wenn ein anderer Kollege mehr Anrufe bekommt. Unsere Computer sind voller Updates und Reminder, unsere Köpfe können Wichtiges von Drängendem nicht mehr unterscheiden – und den Sonntag nicht vom Montag. Das ist die Hast, die ich meine. Deine Großeltern haben seit 40 Jahren dieselbe Telefonnummer, wir haben unsere seit Deiner Geburt zweimal gewechselt – und noch zwei Handynummern dazugekriegt, damit wir immer erreichbar sind. Ein Brief war früher Tage unterwegs, eine Mail ist heute augenblicklich da. Die ganze Welt ist in einen Wettlauf geraten, den wir Erwachsenen »Globalisierung« nennen: Wer näht die billigsten T-Shirts? Wer baut die schnellsten Autos? Wer erfindet zuerst neue Telefone und Computer, die uns noch rasanter updaten und remindenkönnen?

Irgendwann haben wir Deutschen gemerkt, dass die Kinder in anderen Ländern noch schneller lernen als unsere. Dass sie in China früher damit anfangen und in Amerika früher damit aufhören. Und gleich arbeiten. Da hat uns die Angst gepackt. Wir haben uns nicht gefragt, ob es klug ist, zu lernen wie die Chinesen. Wir haben nur gedacht: Bevor die uns einholen, beeilen wir uns auch.

Und noch etwas kam hinzu. Etwas, das mit Deutschland zu tun hat: das sogenannte Demografieproblem. Es gibt zu wenige Kinder und zu viele Alte. Aber das siehst Du ja, weil zu unseren Familienfesten mehr Onkel und Tanten kommen als Cousins und Cousinen. Ich hatte lange gedacht, dieses Demografieproblem werde Dein Leben als Erwachsene prägen. Jetzt bestimmt es schon Deine Kindheit. Denn wer früher die Schule verlässt, kann länger arbeiten. Und wer länger arbeitet, kann uns, wenn wir alt und müde sind, länger Geld für die Rente geben.

Schon 1993 (als uns die Chinesen noch egal waren und es keine Schulvergleiche gab) passierte es: Da empfahlen die Finanzminister aller deutschen Bundesländer, Euch ein Schuljahr wegzunehmen. Nicht die Kultusminister, die sich um die Schulen kümmern! Sondern die Politiker, die aufs Geld aufpassen, die Zahlen statt Menschen sehen und deshalb wissen: Jeder Gymnasiast kostet 5000 Euro im Jahr. Geld für die Lehrer, den Hausmeister, die Tafeln und Turnmatten. Allein an Dir und Deinen 27 Klassenkameraden konnten sie also 140.000 Euro sparen.

Deshalb wurde Euch ein Jahr aus der Schulzeit gestrichen – aus dem Lernstoff aber strich man nur wenig. Ihr sollt auf dem Gymnasium in acht Jahren begreifen, wofür Eure Eltern noch neun Jahre Zeit hatten. Unseren Mangel an Zeit – wir haben ihn zu Eurem gemacht.

Deshalb hast Du jetzt eine 40-Stunden-Woche voller Unterricht und Hausaufgaben. Deshalb hast Du vor wenigen Monaten das Gitarrespielen aufgegeben. Deshalb telefonierst Du die halbe Klassenliste rauf und runter, bis Du jemanden zum Spielen findest. Alle sind beschäftigt.

So kommt ein kleiner Raub an Freizeit und Freiheit zum anderen, jeder für sich kaum der Rede wert. Aber wenn man alle zusammenrechnet, in jeder Familie zwischen Nordsee und Alpen, kommt eine große Statistik der Überforderung dabei heraus: Ein Viertel aller Gymnasiastinnen klagt regelmäßig über Kopfweh, das hat die Krankenkasse DAK herausgefunden. Kinder sagen ihre Teilnahme an Geburtstagsfeiern ab. Sie treten aus Sportvereinen und Chören aus. In Schleswig-Holstein, unserem Bundesland, sind die Teilnehmerzahlen bei »Jugend forscht« eingebrochen, dabei wollte Deutschland doch möglichst schnell möglichst viele möglichst junge Ingenieure. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Fünft- und Sechstklässler, die nachmittags in Nachhilfe-Instituten nachsitzen, fast verdreifacht. Sie haben plötzlich das Gefühl, nicht gut genug zu sein – obwohl sie gar nicht schlechter geworden sind! Drei Milliarden Euro investieren nervöse Eltern jedes Jahr in die Nachhilfe, 20 Prozent von ihnen mehr als 200 Euro im Monat. Das sind 2400 Euro im Jahr. Fast so viel, wie die Finanzminister an Euch gespart haben. Das macht den Reichen nichts aus, aber den Armen umso mehr. In Internetforen werden »Pillen fürs Abi« empfohlen: Ampakin – eigentlich für alte Leute mit Alzheimer – für mehr Gehirnleistung. Fluoxetin – eigentlich gegen Depressionen – für mehr Leistungsbereitschaft. Metroprolol – eigentlich gegen Bluthochdruck – für weniger Prüfungsangst. Und an Deinem Gymnasium hat eine »Wirtschaftspsychologin« uns Eltern vor einigen Tagen erklärt, woran wir bei Euch einen Burn-out erkennen. Das bedeutet, dass manche Kinder jetzt schon ausgebrannt sind – wie überarbeitete Erwachsene.

Ich habe einen Professor für Soziologie angerufen. Soziologen erforschen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist. Warum wir so leben, wie wir leben. Der Professor heißt Hartmut Rosa und ist 45 Jahre alt, hat aber noch nicht vergessen, wie es ist, ein Kind zu sein. Deshalb hat er etwas geschafft, was Professoren selten schaffen: Er hat ein Buch geschrieben, das auch normale Menschen lesen können. Es heißt Beschleunigung und handelt von unserer täglichen Raserei.

Hartmut Rosa sagt, er macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so »vernutzt« ist. Dass alles einen Zweck hat, einen Sinn erfüllen muss. Dass wir Euch sogar dann, wenn wir Euch Gutes tun wollen, bloß wieder auf ein Leben als Erwachsene vorbereiten. »Es ist wichtig, körperlich fit zu sein und musikalisch, gesund zu essen, Freunde zu haben – und sich entspannen zu können!«, sagt er. Hartmut Rosa will, dass wir Erwachsenen Euch endlich in Ruhe lassen. Ein Kind soll im Jetzt leben und nicht dauernd ans Morgen denken. Ein Kind soll ganz bei sich sein dürfen, nicht für andere da sein müssen. Ein Kind soll die Muße haben, mit etwas zusammen zu wachsen. Das kann ein Baum sein, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Tier.

Vor allem fordert Hartmut Rosa: Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen. Denn irgendwann wird aus Langeweile Bewegung, ein Stromern und Streunen, das ziellos ist und doch an tausend Orte führt. Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. »Die allermeisten Menschen würden im Rückblick doch sagen: Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.« So sagt es Hartmut Rosa.

Ganz sicher ist der Rückblick in die eigene Kindheit weichgezeichnet von Gefühlsduselei. Aber ich kann nur von meiner Kindheit erzählen: Ich bin groß geworden in einer Welt, in der es nicht pausenlos piepte und ploppte, niemand twitterte und livetickerte, in der Computer dick und braun waren wie Brotkästen und nur bei pickligen Stubenhockern in verdunkelten Kinderzimmern standen. Wenn ich mit jemandem spielen wollte, habe ich keine Klassenliste abtelefoniert, sondern beim Nachbarn geklingelt und gefragt: »Kommt der Christian raus?«

Als Fünftklässler habe ich endlose Nachmittage in der festen Überzeugung verbracht, der berühmte Fußballspieler Karl-Heinz Rummenigge zu sein – auch wenn ich meinen Lederball nur gegen Garagentore gedroschen habe. Mal allein, mal mit Freunden, mal mit fremden Jungen aus fremden Vierteln, rauen Burschen mit rauer Sprache, Hauptschülern, die der Zufall in meine Straße geführt hatte. Ich habe mich auf aufregende Weise gelangweilt! Jeden Schritt, jeden Schuss kommentierte eine innere Reporterstimme: »Was für eine Körpertäuschung! Mit diesem Volleykracher sichert sich Kalle Rummenigge die Torjägerkanone! Inter Mailand hat hundert Millionen für ihn geboten!« Später war ich Boris Becker, Tennisstar, der im Finale gegen eine bis dahin unbesiegte Brandmauer antrat. Ich ließ vor meinem Aufschlag den Ball auftitschen wie er. Ich leckte meine Lippen wie er. Ich schälte sogar meine Bananen wie er. »6:1, 6:0, 6:1!«, brüllte die innere Stimme jetzt, »anders als der falsche Boris Becker gewinnt der echte zum dritten Mal in Folge Wimbledon! Und jetzt überreicht ihm die Herzogin von Kent auch schon den goldenen Pokal!«

Heute klingt das alles bescheuert, oder? Aber als Kind habe ich mir Baugenehmigungen für Luftschlösser erteilt. Wenn ich an früher denke, schlendere ich als Fußballgott und Tenniskönig durch gleißend helle Nachmittage. Ich habe immer Zeit. Und es ist immer Sommer. Ein größeres Kompliment kann die Erinnerung der Kindheit nicht machen.

Wenn es regnete? Habe ich den Tropfenrennen am Fenster zugesehen oder die Holzvertäfelung neben meinem Bett angestarrt. So lange, bis sich aus der Maserung Berge erhoben und sich die Astlöcher in Vulkankrater verwandelten. Kennst Du das auch?

Ich habe mal gerechnet: Du wirst in den Schulklassen fünf bis zwölf 1200 Stunden mehr Schule haben, als ich es hatte. 1200 Schulstunden! 1200-mal 45 Minuten. Das sind 600 Fußballspiele. Das ist die Zeit, in der ich Karl-Heinz Rummenigge und Boris Becker war. In der ich zum Golfplatz radelte und mit einem flinken Griff durch den Zaun eine Handvoll Bälle klaute, weil ich das für rebellisch hielt. In der ich mir ein Segelboot aus Holz baute, das dann leider auseinanderfiel. Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt es. Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! Mich zu irren. Fehler zu machen. In eine Sackgasse zu laufen und wieder zurückzugehen.

Mach auch mal Fehler, Marie! Sachen, die wir Eltern für falsch halten. Du bist ja schon vernünftiger als wir: Als ich Dich neulich gefragt habe, ob ich mittwochs mal schwänzen soll, den Kollegen bei der Zeitung sagen, ich würde zu Hause arbeiten, in Wahrheit aber mit Dir schwimmen gehen, hast Du geantwortet: »Ich habe keine Zeit. Ich kann nur an Wochenenden.«

An Deinen Lehrern liegt das kaum. Deine Schule erscheint mir als eine der besseren in einem schlechten System – fast wie das Richtige im Falschen. Du hast zwei Klassenlehrer, nicht nur einen. Die beiden strahlen eine Gelassenheit aus wie Teetrinker in der Espresso-Gesellschaft. Du hast bei ihnen zunächst das Lernen gelernt: Ich beginne meine Hausaufgaben mit etwas Einfachem und Interessantem. Ich lege Pausen bei meinen Hausaufgaben ein. Ihr bekommt Übungsarbeiten mit nach Hause, damit Ihr wisst, was Ihr Euch einprägen müsst (und was nicht...). Ihr bewertet Euch mit Selbstkontrollbögen: Was kann ich schon? Was noch nicht? Auf den Elternabenden fragen Eure Lehrer uns: »Sollen wir weniger Hausaufgaben aufgeben, damit den Kindern mehr Zeit bleibt? Oder mehr, damit sie den Stoff besser verstehen?«

Auf dem anderen Gymnasium in unserer kleinen Stadt hagelt es Fünfen und Sechsen, und Kinder geben halb leere Arbeitsblätter ab.

An deiner Schule haben die Lehrer hier und da die Lehrpläne entrümpelt. Und sie haben das Fach »Science« erfunden: Biologie, Physik und Chemie in einem. Wenn Ihr über Vögel sprecht (Biologie!), lernt Ihr auch, wie an ihren Flügeln Auftrieb entsteht (Physik!). Wenn Ihr über die Lunge und das Atmen sprecht (Biologie!), redet Ihr gleich über Sauerstoff und Stickstoff (Chemie!). Es gibt Lehrer anderer Gymnasien, die bei Euch lernen, wie man Science unterrichtet. Es gibt Verlage, die ihre Schulbücher den Ideen Deiner Lehrer anpassen. Ihr habt in Klasse fünf jeweils sechs Stunden Englisch, Mathe und Deutsch pro Woche, damit Ihr in Klasse sechs nur mehr vier braucht – denn dann kommt ja noch Französisch oder Latein hinzu. Eure Klassenlehrerin hat sich drei statt zwei Stunden Musik erkämpft, in denen sie mit Euch singt und lacht. Deine Lehrer nennen das »Stunden zum Ausatmen«. Auch deshalb also habt Ihr so viel Unterricht.

Warum sollten Lehrer Euch auch von der Schule fernhalten? Uns Eltern aber hat der Soziologe Hartmut Rosa Hausaufgaben aufgegeben: »Es muss Nachmittage geben, an denen nichts im Terminkalender steht. Oder an denen NICHTS! im Terminkalender steht.«

Ich hätte zwar lieber mit den Finanzministern, diesen Sparschweinen, gestritten, als schon wieder in Dein Leben einzugreifen, Marie – aber als Du das Gitarrespielen aufgegeben hast, war das nicht nur Dein Wunsch, sondern auch der von uns Eltern. Damit Du weiter Basketball spielst. Denn da bist Du mal keine Einzelkämpferin.

Jetzt hängt Deine Gitarre an einem Haken neben Deinem Schreibtisch, und ich frage mich: Wirst Du uns später einmal übel nehmen, dass Du nur zuhören kannst, wenn andere Musik machen?

Ist es Zufall, dass Dein Freundeskreis nur noch aus Klassenkameradinnen besteht? Oder liegt es daran, dass Ihr im selben Rhythmus lernt und lebt?

Wie viel Platz wird Dir Dein Alltag für Liebeskummer lassen? Für die Pubertät? Für den Aufstand?

Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich »freie Zeit« bedeutet?

Warum wird das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller? Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind?

Woher kommt unsere Globalisierungsangst? Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist viel geringer als in Frankreich, Italien, Spanien. Unser Land ist klein, aber unsere Wirtschaft ist die viertgrößte der Welt. Wir verkaufen Autos, Windräder und Medikamente überallhin. Und sind all die Erfinder, Konzernchefs und Gewerkschaftsführer nicht dreizehn Jahre aufs Gymnasium gegangen?

In wie vielen Familien kreisen die Gespräche nur noch um Schule? Hast Du die Vokabeln drauf? Bist Du fit für die Arbeit? Schreibe eine möglichst kleine Zahl auf, indem Du jedes der folgenden römischen Zahlzeichen genau einmal verwendest: M, C, I, X, V.

Nicht dass Du mich falsch verstehst, Marie: Die Schule ist nicht fürs Kinderglück verantwortlich. Dafür sind wir Eltern zuständig. Und Schüler müssen nun mal lernen. Aber sie müssen auch Zeit haben für eigene Entdeckungen.

Wir üben jetzt oft gemeinsam. Manchmal gibt es Krach, manchmal erleben wir innige Momente: dieses wärmende Glück, wenn wir beide wieder etwas begriffen haben, wenn die Erkenntnis durchbricht wie die Sonne nach drei Tagen Regen! Du hast gelernt, wie die Ägypter ihre Pyramiden bauten. Warum ein Londoner Vorort mit Namen Greenwich weltbekannt ist. Dass es am Horizont einen Fluchtpunkt gibt, auf den alle Linien zulaufen. Jede Schulstunde kann ein Geschenk sein. Und alles zusammen fügt sich zu einem Schatz. Kostet es zu viel Kraft, zu viel Zeit, zu viel Leben, ihn zu heben?

Euer Schuldirektor sagt: Nein. Das sei nur die übliche Sorge der Eltern, deren Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Das größte Problem der Schulzeitverkürzung sei »mangelnde Akzeptanz«. Also Leute wie ich!

Er sagt das aus einer privilegierten Position heraus, so wie ich diesen Brief aus einer bevorzugten Lebenslage schreibe: Dein Direktor leitet ein Vorstadtgymnasium in einer besseren Gegend. In Eurer Schulkantine servieren »Kochmütter« das Mittagessen. Es gibt aber auch Frauen, die bis abends arbeiten möchten (Du später vielleicht auch!). Alleinerziehende Eltern, die das müssen. Und Väter und Mütter, die keine Lust haben, mit ihren Kindern zu lernen, die gibt es auch.

Was wird aus diesen Schülern?

»Die Übungsphasen, die dazu da sind, Stoff zu vertiefen, sind nach Hause verlagert worden. Kinder, die niemanden haben, der ihnen bei den Hausaufgaben hilft, kommen schlecht weg«, sagt Heinz-Peter Meidinger. Er ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Das ist ein Zusammenschluss von Lehrern, die an Gymnasien arbeiten.

Ich habe im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium nachgefragt: Der Anteil der Schüler, die nach der sechsten Klasse die Gymnasien verlassen müssen, hat sich verdreifacht. In Bayern macht die erste G-8-Generation gerade Abitur – seit der fünften Klasse sind dort 31 Prozent aller Schüler auf der Strecke geblieben. Bei G9 waren es 22 Prozent. Diese Kinder wurden »abgeschult«, so nennt man das in den Statistiken.

Es klingt fast weltfremd, wenn die Kirche gegen dieses eiskalte Wort protestiert und daran erinnert, dass »jeder Mensch mit reichen und vielseitigen Anlagen beschenkt« sei. Bildung müsse auch die »Kräfte der Fantasie, der Liebe, des seelischen Erlebens und des moralischen Wertens« wecken.

Der Pädagoge Andreas Gruschka sagt: »Es kommt nicht mehr Saft aus einer Zitrone, wenn man mehr presst.« Gruschka selber ist zweimal sitzen geblieben und trotzdem Professor geworden. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main erforscht er, wie Lehrer unterrichten und wie Kinder lernen. Er meint: Ihr paukt zwar viel, aber Ihr habt nicht viel davon. Euch fehlt die Zeit, wirklich zu kapieren, was die Lehrer Euch erzählen. Und darüber eine eigene Meinung zu bilden. Er sagt: »Die Kinder heute lernen Organisation und Präsentation.« Referate, Wochenpläne – er hält das alles für eine Vorbereitung auf ein kritikloses Büroleben, in dem der Chef in der Tür steht und sagt: »Frau Müller, stellen Sie mir bis Freitag bitte alles über die indischen Märkte zusammen!«

G8 habe »für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen«, sagt der Münchner Bildungsforscher Kurt Heller, ein Pädagoge und Psychologe. Das ist besonders interessant, weil niemand in Deutschland so gründlich zu dem Thema geforscht hat wie er: In den neunziger Jahren hat Heller in ein paar baden-württembergischen Gymnasien G8 ausprobiert – mit durchschnittlich 16 Schülern pro Klasse. Am Ende empfahl er: Es sollte G8-Schulen und G9-Schulen geben. Aber dann, sagt Heller heute, habe die Politik überall das Turbo-Abi eingeführt. Der Professor hat sehr frustriert geklungen, als er mir gesagt hat: »Ist leider so gelaufen.«

Philologen und Psychologen, Pädagogen und Prozente – wie schnell wird der Streit um Eure Schulzeit abstrakt und entfernt sich wieder aus der Wahrnehmung der Kinder. Und weg von tausend kleinen Lebenswirklichkeiten.

Es gibt einen Arzt in Bremen, der heißt Stefan Trapp und hat vor drei Jahren einen Brief an die Bildungssenatorin seiner Stadt geschrieben. Darin steht: »Als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt wie auch als betroffener Vater erlebe ich die Folgen der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre täglich in Praxis und Familie.« Seine Patienten zeigten Symptome, die sonst bei gestressten Managern auftreten. Kopfschmerzen und Erschöpfungszustände, auch Traurigkeit und Angst. Die Senatorin hat ihm bis heute nicht geantwortet. Aber weil Trapp in seiner Stadt ein bekannter Mann ist und den Bremer Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte leitet, hat eine Zeitung seinen Brief abgedruckt.

Trapp ist noch jung. Er trinkt Cola und isst gerne Kuchen, obwohl das nicht gesund ist. Er ist ein fröhlicher Arzt, solange er nicht von den müden Mädchen und Jungen in seinem Sprechzimmer erzählt. Er sagt: »Früher hatten Kinder Kopfschmerzen, weil sie eine Brille brauchten. Heute, weil sie beim Gedanken an die Schule mittlerweile die Gefahr des Scheiterns mitdenken.« Er behandelt Schüler mit Schlafstörungen und Depressionen. Das sind Krankheiten, die früher bloß Erwachsene bekamen, die richtig Pech hatten. »Die Rolle des Gymnasiasten als Sorgenkind ist neu«, sagt Trapp. Gymnasiasten sind seltener dick, essen meist gesünder und prügeln sich kaum. »Aber die Schulzeit ähnelt immer mehr einer anspruchsvollen Bürotätigkeit – kein Wunder, dass sich auch die Krankheitsbilder ähneln.« Wie sollen Jugendliche mit Anforderungen fertigwerden, an denen Erwachsene scheitern? Zumal sie dauernd beobachtet und benotet werden. Alle sind unzufrieden: Schüler, Eltern und Lehrer. Alle haben Stress. Und in diesem Gezerre sind die Kinder die Schwächsten.

Warum schützen wir die Schwächsten nicht mehr? Auch nicht die Aufmüpfigen, die Sperrigen, die unser Tempo bremsen? Ich sage Dir, Marie: weil wir Erwachsenen die wahren Streber sind! Weil wir zu feige sind, mal richtig wütend, richtig sperrig, richtig uncool zu sein.

Vor einigen Monaten hat der neue Bildungsminister in unserem Bundesland alle Gymnasien abstimmen lassen, ob sie das neunte Schuljahr zurückhaben wollen. Die Lehrer Deiner Schule haben sich entschieden, bei G8 zu bleiben. Einstimmig, sagt der Direktor. Ich kann mir vorstellen, dass viele aus Stolz auf ihre eigenen Ideen so entschieden haben. Manche aus Erschöpfung nach all den Konferenzen. Andere, weil sie finden, dass nicht nach jeder Landtagswahl alles geändert werden sollte, dass zu viele Rollen rückwärts schwindlig machen. Und einige vielleicht auch aus Respekt vor dem Direktor.

Wochenlang habe ich versucht, mit der Schulpsychologin unseres Landkreises zu reden. Aber sie hat mir in kurzen Mails geantwortet, für ein ausführliches Gespräch habe sie keine Zeit – und für ein kurzes Telefonat sei das Thema zu wichtig. Auch das meine ich mit Feigheit, Marie.

In Bremen fragt der Kinderarzt Stefan Trapp die Schüler in seiner Praxis: Warum kommst du zu mir? Was machst du in deiner Freizeit? Was tust du gern? Was würdest du gern tun? Wann fühlst du dich wohl? Wenn die Antwort lautet: Ich war das letzte Mal in den Ferien froh, dann ist das ein Problem. Auch für ihn. Ein Arzt will heilen, nicht nur herumdoktern. Mit Scharlach oder Läusen ist Trapp immer fertiggeworden, aber wie kann er einem mutlosen Kind helfen? »Wenn jemand krank wird durch die Schule, ist eine Therapie, eine ursächliche Therapie, nicht möglich«, sagt Trapp. Das bedeutet: Wer sich einen Arm gebrochen hat, bekommt einen Gips und braucht Geduld. Wer eine Pferdeallergie hat, kann mit dem Reiten aufhören. Aber wen das Lernen krank macht, der kann nicht die Schule abschaffen.

Unsere Gesellschaft ist dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen – aber es wird so getan, als ginge es immer nur um die Stärksten und Schlausten. Als könnten wir auf alle anderen Kinder verzichten.

Weißt Du, was passiert ist, als eine Mutter eine Lehrerin Eurer Schule gefragt hat, ob sie nicht zu schnell zu viel von Euch verlangt? Da hat die – eine junge Frau – kühl geantwortet: »Sicher ist dieses Lernen nicht für alle geeignet.« Und Klassenarbeiten seien dazu da, »zu überprüfen, ob die Kinder auf dem Gymnasium Schritt halten können«.

Weißt Du, was das bedeutet, Marie?

Ich werde es Dir erklären: Es bedeutet, Klassenarbeiten sollen nicht nur helfen, herauszufinden, welcher Schüler wo Schwächen hat – um dafür zu sorgen, dass es beim nächsten Mal besser klappt. Nein: Sie sollen auch helfen, die Schwächsten zu finden und auszusortieren. Deine Lehrerin hat nicht gesagt, es gehe ihr darum, alles zu tun, »damit« Kinder Schritt halten können. Sondern zu prüfen, »ob«.

Meine Lehrer hätten so etwas nie gesagt, selbst wenn sie heimlich so dachten. Du wirst das verrückt finden, Marie: Als vor 25 Jahren in der Ukraine ein Atomkraftwerk explodierte, schickten meine Lehrer uns zum Demonstrieren! Als vor 20 Jahren in Kuwait ein Krieg losbrach, ließ mein Mathelehrer uns aus Protest nicht mit Äpfeln und Birnen rechnen, sondern in der Recheneinheit »Leichensäcke«. Das hört sich ziemlich grotesk an, was? Einige meiner Lehrer sprachen im Unterricht voller Pathos, wie ein Pastor in der Sonntagspredigt. Aber es ging ihnen darum, uns mitzureißen. Uns zu gewinnen. Wenn auch nur für ihre eigenen Träume von einer besseren Welt.

Und jetzt? Spricht diese Lehrerin wie die Jurypräsidentin einer gigantischen Castingshow – in der nicht Werbeverträge vergeben werden, sondern Lebenschancen. Und zwar nur an die Passgenauen.

Das macht mich wütend. Sie hat G8 zwar nicht erfunden – aber sie hat sich damit abgefunden. Mindestens das. Andererseits gibt sie nur den Druck weiter, den andere aufgebaut haben. Und zu diesen anderen gehöre – ich. Die Versuchung, mit Dir auf die Jagd nach immer besseren Noten zu gehen, ist so groß. Wie schnell passiert es, dass ich eine gute Klassenarbeit nach den wenigen Fehlern ausspähe, nicht nach den korrekt gelösten Aufgaben. Es gibt Eltern in unserer Stadt, die ihren Kindern das Taschengeld kürzen, wenn die keine Eins heimbringen. Die mit all den fleißigen Chinesenkindern drohen, von denen wir noch gar nicht wissen, ob die ganze Paukerei sie wirklich schlau macht oder bieder.

Wenn Du Geburtstag feierst und Deine Klassenkameradinnen kommen, freue ich mich über all die wohlerzogenen Kinder, die den ganzen Tag keine Mühe machen – aber ich wundere mich auch. Wo sind die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen? Wer hat sie aussortiert?

Vor fünf Jahren hat ein Kollege in dieser Zeitung geschrieben, er finde die verkürzte Schulzeit gut, denn es sei noch »Luft im System«. Schon möglich. Aber ist Luft schlecht? Ist sie nicht zum Atmen da? Und lernt, wer atmen darf, nicht sogar mehr? Oder jedenfalls lieber?

Das Gerede von der »Luft im System« ist gefährlich, Marie. Man kann so lange sagen, es sei »Luft im System«, bis keine mehr da ist.

Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen: In einem Motor kann Luft schaden, in einem Windkanal ist Druck sinnvoll. Aber wer hat uns eingeredet, dass ein beschleunigtes Leben ein gelingendes Leben ist? Wenn ich sehe, wie Manager auf Flughäfen und in ICE-Abteilen ihre iPhones und BlackBerrys anstarren, auf eingehende Mails so angewiesen wie Junkies auf Rauschgift, und wenn ich höre, wie sie endlos von »Quartalszahlen«, »Jahresabschlüssen« und der Marktforschung faseln, die sie nur noch »Mafo« nennen, wie sie von Hamburg nach München fahren, ohne dabei auch nur einen einzigen eigenen Gedanken zu äußern – dann glaube ich, wir sollten uns kein Beispiel an ihnen nehmen.

Es wäre schön, wenn Ihr später nicht nur Zahlen lesen könntet. Sondern auch die Menschen hinter den Zahlen erkennen würdet. Wenn Bildung hieße: mit Wissen vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: »Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.«

Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr hässlich an, Marie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.

Wenn Du Abitur machst, wirst Du 17 sein. Mit 17 lassen wir Euch nicht alleine Auto fahren und keine Mietverträge unterschreiben. Wenn Du Pech hast, musst Du Dich für ein Leben als Lehrerin, als Mathematikerin, als Managerin entscheiden, bevor Du überhaupt weißt, was Du kannst, was Du willst, wer Du bist. Falls Du dann ein eiliges Bachelorstudium durchhastest, wirst Du mit 20 die Universität verlassen. Worauf haben wir uns da nur eingelassen? Wollen wir, dass unsere Enkel von 21-jährigen Lehrern unterrichtet werden, die kaum mehr von der Welt gesehen haben als Legehennen? Wollen wir uns von 22-jährigen Bankern mit Geradeausbiografien betreuen lassen? Uns von 23-jährigen Unternehmensberatern begutachten lassen?

Wenn Dich Deine Lehrer, unsere Nachbarn oder die Eltern Deiner Freundinnen jetzt fragen, warum Dein Vater so aufgebracht ist, dann musst Du wissen: Es liegt nicht an Dir. Wer glaubt, ich schreibe hier gegen schlechte Noten an, der hat nichts begriffen. Deine Zensuren sind gut. Ich bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen.

Wenn sie Dir sagen, es ist doch nur das eine Jahr, dann antworte ihnen, es geht um Millionen beschleunigter Leben. Und wenn sie Dich fragen: »Acht oder neun Jahre, ist das nicht einerlei?«, dann sag ihnen: Was wäre los, wenn die Lokführer plötzlich 15 Prozent mehr arbeiten müssten? Dieses Land stünde still, über Wochen. Die Tagesschau würde Abend für Abend mit Streikmeldungen beginnen. Es gäbe Demonstrationen, auf denen wütende Männer rote Fahnen schwenken. Es gäbe aufgeregte Talkrunden im Fernsehen, in denen die Erwachsenen »Ausbeutung« und »Raubtierkapitalismus« brüllten.

Natürlich frage ich mich: Ist eine Sache nicht nur dann schlimm, wenn Du, Marie, sie selber schlimm findest? Habe ich Dich mit diesem Brief zum Faulenzen aufgefordert, Dir Ausreden und Ausflüchte in den Mund gelegt? Habe ich Dich verwirrt? Dir überflüssige Sorgen gemacht? Ich hoffe fast, dass Du diesen Brief inzwischen zur Seite geschoben hast und irgendwo Waveboard fährst, weil Du das Geschreibsel hier dröge findest und sowieso Quatsch ist, was von den Eltern so kommt.

Aber Du sollst ruhig wissen, warum wir auf dem Weg ins Kino 17², 56 und28 gelernt haben.

Du sollst wissen, warum ich Dich manchmal dressiere wie ein Dompteur sein Zirkuspferd – und mir dann wieder auf die Lippen beiße, statt nach der Schule zu fragen.

Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen.

Du sollst wissen, warum es manche Deiner Freundinnen nicht schaffen werden, warum ihre Stühle irgendwann leer bleiben werden.

Du sollst wissen, dass Depression keine Kinderkrankheit ist.

Du sollst wissen, dass die Schulzeit mehr sein sollte als ein Trainingslager fürs Berufsleben.

Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen.

Und Du sollst wissen, dass ich Dir das gestohlene Jahr zurückgeben möchte. An jedem Tag, an jedem Wochenende – und nach dem Abitur. Am besten kein Auslandsstudium. Kein Sommerseminar. Sondern einfach eine Reise ohne Weg und ohne Ziel. Denn wenn Du Deine Seele bis dahin nicht in einem Klassenzimmer gefunden hast, wirst Du sie auch in einem Hörsaal nicht finden. Aber vielleicht tief in einem finnischen Wald, mitten in einem äthiopischen Dorf oder auf der Sitzbank eines amerikanischen Überlandbusses. Irgendwo, irgendwann, wenn Du es nicht erwartest.

Und ich hoffe, dass Du mich dann, wenn es losgehen soll, nicht mitleidig anschaust und sagst: »Das ist doch reine Zeitverschwendung.«

Dein Papa

(Henning Sußebach, "Liebe Marie", Die Zeit 22 (26.5.2011))

Freitag, 9. Dezember 2011

Etwas ist nicht etwas.

"Dieser Raum täuscht keinen Raum vor. Die offene Seite zu Ihnen ist nicht die vierte Wand eines Hauses. Hier braucht die Welt nicht aufgeschnitten zu werden. Sie sehen hier keine Türen. Sie sehen nicht die zwei Türen der alten Dramen. Sie sehen nicht die Hintertür, durch die der, der nicht gesehen werden soll, hinausschlüpfen kann. Sie sehen nicht die Vordertür, durch die der hereinkommt, der den sehen will, der nicht gesehen werden soll. Es gibt keine Hintertür. Es gibt auch nicht keine Tür wie in neueren Dramen. Die Abwesenheit einer Tür stellt nicht die Abwesenheit einer Tür dar."

Peter Handke, "Publikumsbeschimpfung", 1965, Publikumsbeschimpfung, von Peter Handke (Frankfurt: Suhrkamp, 1979) 22. 

Mittwoch, 30. November 2011

Haiku op Kölsch

Ich loor noch zeröck ...
Dä Kääl, den ich jrad im Nevvel jesinn,
Wor ald verschwunde.

(Quelle: Muenic.de)

Donnerstag, 24. November 2011

Pride and Prejudice

"In Germany and in German literature, the role of Shakespeare was far more decisive than in France. The reason is that, in a paradoxical sense, Shakespearean influence was exercised from within. Wieland's translation in the 1760's (sic) and the famous version of the complete Shakespeare by Schlegel and Tieck (1796-1833) did more than convey to German awareness the genius of a foreign poet. These formidable re-creations of the English text coincided precisely with the time in which the German language was coming of literary age. They entered directly into the crucible. The Shakespearean manner penetrated into the cadence and tonality of classic German. The German sensibility appropriated to itself the habits of rhetoric and dialectic inherent in Shakespearean tragedy. It was a true graft of the foreign branch to the native stem. During the nineteenth century Germany became a source of much of the finest in Shakespearean criticism and scholarship. Nowhere else were the plays performed with comparable frequency or fidelity to the text. German audiences were seeing authentic versions of Hamlet and Lear when most English stages were still using texts softened or truncated to suit neo-classic taste. Appropriately, the love affair between Germany and Shakespeare culminated in the attempt of certain Prussian scholars to show that Shakespeare had actually been a German."

George Steiner, The Death of Tragedy (1961; New York: Knopf, 1968) 156-57.

Mittwoch, 16. November 2011

The Scholar's Delight

"Books are the best of things, well used; abused, among the worst."

(aus: Ralph Waldo Emerson, "The American Scholar", 1837)

Donnerstag, 10. November 2011

Lob der Reaktanz

"Es müsste, im Mainstream-Medium Fernsehen, eine Sendung geben, eine einzige, die der Reaktanz verpflichtet ist. Einmal pro Woche, 30 Minuten lang, müßte jemand einer von fast allen geglaubten Wahrheit widersprechen, oder eine abseitige Meinung äußern, oder den aktuellen public enemy verteidigen. Ohne Ironie. Ohne einen Moderator, der sich distanziert. Auch das wäre ein interessantes Experiment."

(aus: Harald Martenstein, "Der Sog der Masse", Die Zeit 46 (10.11.11): Dossier 19)

Mittwoch, 9. November 2011

Q: "Wie bekomme ich in meiner Wohnung Gemütlichkeit hin?"

A: "Es darf nicht zu aufgeräumt sein. Leider darf der Kram, der dann herumsteht, nicht häßlich sein. Man braucht guten Geschmack, es hilft nichts."


(aus: Tillmann Prüfer, "Wie man sich auch ohne viel Platz wohlfühlen kann: Der Architekt Tammo Prinz gibt 20 Tipps für die Kleinraumwohnung", Zeit Magazin 43 (20.10.2011): 74)

Dienstag, 8. November 2011

The Satanic Limerick

The marriage of poor Kim Kardashian
was krushed like a kar in a krashian
            Her Kris kried, not fair!
            why kan't I keep my share?
But kardashian fell klean outa fashian.

Mittwoch, 2. November 2011

Confessions of a Dangerous Mind

Sarah Arvio

"Neck"

That isn’t done Grabbing your girlfriend’s neck
isn’t done I mean it is done by god
often enough but not when I’m the girl

or the friend I love you with all my soul
and all my I don’t know what else to say
my friendliness and my girlishness

but by god my friend do not grab my neck
Neck with me nestle your neck into mine
I’ve been watching the necks of the geese

my geese our geese flying over our heads
and I’ve said goose wander in my chamber
You goose don’t be a gander and don’t be

a geek Be a Greek be a pagan be
a lover of life of me of my neck
Grab my neck my shoulder or my breast

but sweetly if you must my sweet goose
or I’ll call the police Not that the Greeks
were any better at love than we are

always stabbing at their men and their gods
but my god better than the Romans
and their strikes at the neck their split necks

All they did was say do not do do not
do that and thwack off with their head
So if you ask me what Greek is I say

give me a Greek over a Roman
Oh romance romance it’s Greek to me
it was Greek to the Romans and to me

to my roaming heart and my Grecian
gods to my friends and my gods and you
you my silly goose and my strangler

(veröffentlicht in The New Yorker, 26. Mai 2008)



"Wood"

The last thing I ever wanted was to
write again about grief did you think I
would your grief this time not mine oh good

grief enough is enough in my life that is
enough was enough I had all those
grievances all those griefs all engraved

into the wood of my soul but would you
believe it the wood healed I grew up and
grew out and would you believe it I found

your old woody heart sprouting I thought
good new growth good new luxuriant green
leaves leaves on their woody stalks and I said

I’ll stake my life on this old stick I’ll stick
and we talked into the morning and night
and laughed green leaves and sometimes a flower

oh bower of good new love I would have it
I would bow to the new and the green
and wouldn’t you know it you were a stick

yes I know a good stick so often and then
a stick in my ribs in my heart your old
dark wood your old dark gnarled stalk

sprouting havoc and now I have grief again
and now I’ve stood for what I never should
green leaves of morning dark leaves of night

(veröffentlicht in The New Yorker, 30. November 2009)

Samstag, 15. Oktober 2011

Die Emergenz der Wörter und der Worte

"Am Ende kaufe ich Bücher aus dem gleichen Grund, aus dem ich sie schreibe (...): weil es ein Geschenk ist. Wir schreiben und lesen, weil wir verstehen und verstanden werden wollen. (...) Meine Leser sind jung, und sie können mit Computern umgehen. Sie könnten meine Romane klauen und sie für ihre E-Reader rippen. Aber sie tun das selten, jedenfalls bis jetzt. Weil sie, glaube ich, an das Geschenk glauben, das seit Jahrhunderten den Kern von Lesen und Schreiben ausmacht. Technologien können sich verändern, aber solange die, die lesen, und die, die schreiben, an dieses Prinzip glauben, wird das Geschäft mit dem Lesen das Gesetz von Angebot und Nachfrage immer unterlaufen."

John Green, "Amerikanische Revolution", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 40 (9. Okt. 2011):  Feuilleton Spezial 66. 

Montag, 26. September 2011

Häßlich essen

"Manche Menschen essen 'häßlich'. Am Nebentisch in Heilbronn saß eine sich 'fein' gebärdende Frau (in einer Gruppe zu viert), sie aß bösartig, eine Hinrichtung der Speisen. Ungefickt -- rächte sich am Rindfleisch für das fehlende Mann-Fleisch." (208)

Mittwoch, 21. September 2011

Unangenehm bekannt:

"Donnerstag Tiefpunkt der Woche: Hans Mayer in Stuttgart. Der Egoismus des Mannes hat nun endgültig krankhafte Züge angenommen, hob schon im Hotel -- zwecks Abendessenverabredung -- den Hörer ab mit dem Satz: <<Ich sehe gerade mich im Fernsehen...>> Nicht <<Guten Abend>> oder <<Gute Reise gehabt?>> (war immerhin seinetwegen gekommen) -- ich, ich, ich. Das ging im Galopp den ganzen Abend, zu dem er nicht einmal einen Tisch bestellt hatte und nun -- wo er ist, ißt, MUSS es fein sein -- in einem behelfsmäßig hergerichteten Hotelsalon das von ihm direkt BEFOHLENE -- <<also essen wir kalt>> -- Essen eingenommen wurde. Gleich nach der Vorspeise platzte die Kröte -- ich verfolge ihn seit Jahren, kränke ihn seit Jahren, vergleiche mich, auf ungute Weise, mit ihm, habe keine Zeile von ihm gelesen und wisse überhaupt nicht, wer er sei. Hätte ich nicht das unglaublich verwinkelt-liebe FS von Gerd bekommen (der auf diese Weise einen Eklat in der deutschen Literaturszene zu verhindern wußte!...), ich wäre mitten beim Tatar aufgestanden, auf Nimmerwiedersehen. So beruhigte ich den Mann wie einen Kranken, rief alte Erinnerungen herauf, beschwor sein Gedächtnis, wo ich was für ihn getan habe, in Wort und Schrift und Fluchthilfe mit seiner Bibliothek. Anfans noch als einzige Reaktion sein aggressives, kindhaftes <<Nein, nein, ich habe viele Beweise, lassen wir es, das Gespräch hat keinen Sinn>> -- bis er (weil ich so energisch wurde, fast laut?) wie ein Schiff bei anderem Wind abdrehte; was allerdings hieß: den GANZEN Abend NUR ausschließlich von sich sprach, vom 2. Band seiner -- sicherlich wieder wie der erste verlogenen -- Memoiren, wie ALLE Leute den 1. Band gelesen hätten (Auflage 12.000), wie und bei wem und vor allem MIT wem er eingeladen sei zu Vorträgen (das sind doch fabelhafte Leute, müssen Sie doch zugeben ...), wie er dort herrlich bewirtet und da bejubelt worden sei (die Leute waren sehr nett zu mir), mit dem schließlich alles krönenden Satz: <<Kurzum, ich bin sensationell.>>"

Fritz J. Raddatz, 1982-2001, Tagebücher (Reinbek: Rowohlt, 2010) 34-35.

Hemmersmoor. Ein Schauerroman von Stefan Kiesbye

Ich beurteile nicht nur Menschen nach ihrem Aussehen, sondern auch und mit Vorliebe Bücher. Kenne ich Verfasser oder sagt mir der Titel etwas, kann es immer noch sein, daß ich das Buch trotzdem liegen lasse, weil mir seine Umschlaggestaltung nicht gefällt. Spricht mich ein Buch äußerlich an, bin ich geneigter, es zu kaufen, auch wenn ich bis dahin weder vom Titel noch vom Autor etwas gehört habe. Letzteres war der Fall bei Hemmersmoor von Stefan Kiesbye.
Ich stand in der Buchhandlung, hatte bereits vier Bücher in der Hand und mein Blick wurde vom zurückhaltenden, doch faszinierenden, weil ungewohnten Äußeren dieses Buches gefangen.

Knapp 18 Euro sind keine Kleinigkeit für ein Buch, von dem man nichts weiß, über das die Buchhändlerin nichts weiter sagen kann, als daß seine Handlung in Norddeutschland spielt, und das nicht einmal sehr dick ist. Trotzdem habe ich, wegen seines ansprechenden Äußeren und der Tatsache, daß der Verfasser Amerikanistik in Berlin studiert und in den USA einen Abschluß gemacht hat -- einer Tatsache, der ich nun einmal positiv voreingenommen gegenüberstehe -- , das Buch gekauft. Und es hat sich gelohnt. Mit hohen Erwartungen habe ich nun außerdem den ersten Roman des Autors, Nebenan ein Mädchen von 2009, gekauft, der übrigens zuerst auf Englisch erschienen war.

In Hemmersmoor liegt das titelspendende Dorf irgendwo in Norddeutschland, irgendwo in der weiteren Nähe von Hamburg. Hamburg ist der einzige im Roman verwendete Referenzpunkt, der mir bekannt ist. Weder konnte ich das Dorf Hemmersmoor geographisch genauer orten, noch war es mir möglich, Vertrauen zu den Berichten der vier zentralen Figuren zu fassen. Alle Narratologen und Korinthenkacker mögen mir verzeihen, daß ich hier nicht literatur- bzw. erzählwissenschaftlich vorgehe und die entsprechenden Termini verwende, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, daß der Verfasser nicht nur genau wußte, was er tat, als er das Buch geschrieben hat, sondern selbst wahrscheinlich völlig problem- und pausenlos die verschiedenen Perspektiven und Fokalisierungen der verschiedenen Erzählinstanzen benennen und ihre jeweiligen Funktionen erklären könnte. He seems to know his craft. Es sind auf jeden Fall vier verschiedene Figuren, die in unregelmäßiger Reihenfolge die in den einzelnen Kapiteln geschilderten Vorkommnisse erleben bzw. vorantreiben. Die Handlungen dieser Kapitel spielen in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, irgendwo auf dem norddeutschen Land. Eingerahmt werden diese Kapitel von Prolog und Epilog, die von Christian, einer der vier Figuren, heute erzählt werden. Als erwachsener Mann ist er, der als einer der wenigen sein Heimatdorf zu verlassen vermochte, genau dorthin zurückgekehrt. Der Tod seiner Mutter ist der Anlaß seiner Rückkehr. Das Dorf ist der Grund seines Bleibens. Es ist, als sei er nie weg gewesen. So beginnt denn auch der Roman: "Zeit spielt keine Rolle." Mit diesem Beginn, der die Irrelevanz der Zeit und den Tod ins Zentrum rückt, sind die zentralen Themen des Romans bereits dargelegt, der Schauerroman hat begonnen.

"Schauerroman" -- nach diesem Wort suchte ich, als ich versuchte, den Roman zu beschreiben aufgrund des Gefühls, das das Lesen bei mir auslöste. Ich versuchte es mit "gruseln", aber das traf es nicht ganz, dafür gab es nicht genug Übernatürliches. Auch "spannend" war nicht das richtige Wort, dafür war die Erzählweise zu geradlinig, zu schnörkellos, zu determiniert. Ich suchte weiter, keine Beschreibung paßte völlig, bis ich buchstäblich beim Lesen erschauderte: Da war es so klar und offensichtlich, daß ich entsetzt war, nicht früher darauf gekommen zu sein: Was ich in der Hand hielt und nicht weglegen wollte, war ein Schauerroman, modern und meisterhaft interpretiert.

Es ist nicht das Übernatürliche oder "das Böse", was uns hier begegnet; dieser Roman ist also keine Wiederaufbereitung der klassischen europäischen Schauerliteratur. Es ist aber auch nicht die Psyche der Figuren, in der der Horror verortet ist, wie es bei Poe der Fall war. Der Schrecken, der Schauer, der einem über den Rücken läuft und der mich mitunter das Buch -- fast -- aus der Hand legen ließ, wird ausgelöst einerseits durch die abgelöste Art und Weise (das englische "detached" wäre hier treffender), wie die Figuren von den Ereignissen berichten, und andererseits durch die Geschehnisse selbst.

Wer nach neuer alter Schule erschaudern will, der lese Hemmersmoor.

Sonntag, 20. Februar 2011

Gelassenheit ist oberstes Gebot.

"We should have a great fewer disputes in the world if words were taken for what they are, the signs of our ideas only, and not for things themselves."
John Locke